2001

Physik  /  Physique  /  Fisica  /  Physics

Erlebnisbericht eines Teilnehmers an der IPhO 2001 in Antalya

Keine Medaille aber trotzdem interessant und wertvoll!

Donnerstag, den 28 Juni fand sich eine muntere Reisegruppe aus allen Landesteilen der Schweiz am Flughafen Kloten ein, das Gemeinsame: Alle an Physik interessiert. Fünf Wettstreiter, vier Deutschschweizer und ein Romand, sowie zwei Leiter. Fast alle waren mit unserer "Uniform" gekleidet, die uns einen richtigen professionellen Touch gab. Unser Ziel: die Internationale Physikolympiade IPhO 2001, Antalya in der Türkei. Ich hatte keine Ahnung, wo das sein könnte, doch ich sollte es herausfinden. Es liegt in der Südtürkei, acht Fahrstunden südlich von Ankara. Mit uns reiste auch das Team aus Liechtenstein, das dieses Jahr sehr gross war, drei Wettstreiter!team2001
Nach einem langen Flug via Istanbul schliesslich in Antalya angekommen, konnten wir ohne Probleme die Passkontrolle durchschreiten. Empfangen wurden wir sehr freundlich und kamen das erste Mal in Kontakt mit orientalischer Organisation und Effizienz, dennoch erreichten wir mit etwas Geduld unser Hotel. Hier wurden die Leiter von uns getrennt und in ein anderes Hotel verfrachtet, da sie den Prüfungstext der originalen englischen Version in eine uns verständliche deutsche Fassung bringen mussten und daher war jeder Kontakt zwischen Leitern und Wettstreitern verboten. Doch konnte ich nicht darüber trauern, da wir nun von unserer "Guide" empfangen wurden. Jedes Land bekam einen Student oder eine Studentin aus der Türkei, wir hatten eine Studentin, die sich während der ganzen Woche um uns kümmerte. Unsere Guide verstand überhaupt nichts von Physik, doch war ihr Englisch weit über dem Meinem und zudem schaute sie sehr gut zu uns während der ganzen Woche.
Das Hotel war sehr luxuriös, fünf Sterne, da konnten wir uns nicht beklagen. Es war extrem gross und hatte sowohl einen eigenen Strand als auch einen grossen Swimmingpool. Über 470 Olympioniken, Guides, Organisatoren und Besucher waren darin untergebracht.
Am Freitag stand die "Opening Ceremony" auf dem Programm, in zehn Reisecars wurden wir von unserem Hotel in dasjenige unserer Leiter gefahren. Dort bestand nun die Kunst darin, eine riesige Menschenmenge in Teams zu gliedern und dann gestaffelt in den Ballraum zu führen, damit wir dort die vorhergesehenen Sitzplätze einnehmen konnten. Doch selbst dieses Problem wurde einwandfrei gelöst, nach orientalischer Manier... Die Zeremonie bestand hauptsächlich aus Ansprachen von Leuten mit den Titeln Prof. und Dr., dazwischen wurde zu unserem Erstaunen und Entsetzen von einem Ensemble Mozart und Strauss gespielt, doch fand auch noch eine türkische Tanzgruppe Unterschlupf im Programm. Nachdem die Olympiade eröffnet worden war, ging es wieder zurück in unser Hotel, wo wir den ganzen Nachmittag im Pool und auf der Rutschbahn verbrachten. Am Abend ging es ziemlich früh ins Bett, denn am Samstag war die experimentelle Prüfung angeordnet.ekp2001
Als wir den Prüfungssaal betraten, wurde mir kalt, nicht vor Respekt oder sogar Furcht, nein, der Raum war auf 16 Grad Celsius heruntergekühlt. Der Grund war im Experiment zu finden: es bestand aus einem runden Gefäss mit Glyzerin darin. Wurde dieses in Rotation versetzt, so entstand an der Oberfläche des Glyzerins ein Paraboloid. Damit aber dies gut geht, muss das Glyzerin sehr viskos sein, deshalb die tiefe Raumtemperatur. Im Weiteren hatten wir einen Laser, eine Plexiglasplatte mit Halterung, eine Wasserwaage, Millimeterpapier etc. zur Verfügung.
Erste Aufgabe war es aus der Steigung der Tangente des Paraboloids, bzw. einer Parabel, die Erdbescheunigung g zu bestimmen, mit Fehlerbetrachtung. Zweiter Teil: Das Glyzerin kann, wenn es in Rotation ist, als Hohlspiegel angeschaut werden. Unsere Aufgabe: Experimentell den Zusammenhang zwischen Brennweite und der Winkelgeschwindigkeit des Gefässes zu finden. Um die verschiedenen Reflexionen des Lasers besser zu erkennen, wurde der Raum verdunkelt, doch da bekam ein umweltbewusster Schweizer Probleme mit seinem Solartaschenrechner, doch sogar dieses Problem wurde gelöst, er bekam eine Leselampe auf seinen Tisch. Zum Schluss musste noch der Brechungsindex von Glyzerin bestimmt werden mit Hilfe eines Gitters, der wohl einfachste Teil der Prüfung. Nach diesen fünf Stunden Experimentieren war ich ganz schön schlapp, da war ich froh, dass die theoretische Prüfung erst am Montag stand fand.
Am Sonntag war eine Exkursion ins Stadtzentrum von Antalya auf dem Programm, der Rest des Tages war "Sünnele" im Liegestuhl. exk2001
Die theoretische Prüfung war sehr interessant, was immer das heissen will. Jedes Gebiet der Physik, das ich kenne, wurde geprüft, nein, es wurden mehr Gebiete geprüft als ich kenne, doch habe ich mich durch die fünf Stunden durchgekämpft.
Die folgenden Tage waren da schon eher nach meinem Geschmack: Um halb vier am Morgen ins Bett und um acht beim Frühstück. Das Schweizer Team bekam den Übernamen: The Dancing Team. Wir waren jeden Abend in der Disco und während dem Tag am Pool. Dank unseres Schweizer Charmes waren wir immer von genügend Guides umgeben, natürlich "She-Guides", Langeweile kam nie auf. Doch erwähnen muss ich, dass wir auch kulturelle Ausflüge unternommen haben, so besichtigten wir eine antike Stadt und mehrere römische und griechische Amphitheater.
Am Donnerstag war dann "Closing-Ceremony" und Preisverteilung, leider errangen wir weder Medaillen noch "Honorable mentions", doch konnten wir dies gar nicht erwarten, da sich die meisten anderen Länder sehr intensiv auf die Olympiade vorbereiten, zum Beispiel die Australier in zwei Trainingslagern von je zwei Monaten Dauer, wir hingegen trainierten gerade mal einen Samstag zusammen in Aarau, der Rest war Selbststudium im kleinen Zimmerlein. Wir waren in den Rängen um 200 herum, von gesamt 308 Teilnehmern aus insgesamt 67 Ländern, was meiner Meinung nach ein relativ gutes Resultat ist.
Am Donnerstagabend war dann eine grosse Abschlussfeier auf einem Fussballfeld in unserer Hotelanlage. Ein gemeinsames Essen, auch mit unseren Leitern, es wurde für über 550 Leute gekocht. Anschliessend gab es Tanz zu traditioneller türkischer und griechischer Musik, was sehr amüsant war, da wir nun unsere türkischen Guides zum Tanz auffordern konnten. Als dann unsere Leiter in ihr Hotel gebracht wurden, ging es erst so richtig los...
Am Freitag war der Rückflug, wieder über Istanbul. Alle waren ziemlich müde. Doch kam es noch zu einer interessanten Diskussion: Weshalb fliegt ein Flugzeug? Ich dachte, ich wüsste weshalb, doch... Summa summarum darf ich sagen, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hat, es war eine tolle Erfahrung und es hat irrsinnig Spass gemacht.
Vielen Dank an das gesamte Schweizer Leiterteam und an alle Sponsoren, die uns dies alles ermöglicht hatten.

Kevin Schnelli